Schändung (Carl Mørck #2) – Jussi Adler-Olsen

rezension-2Im Sommer 1986 wird ein Geschwisterpaar in einem Sommerhaus in Rørvig ermordet aufgefunden, brutal zu Tode geprügelt. Erst Jahre nach dem Doppelmord wird jemand geständig und verurteilt. 20 Jahre später landet die Akte auf mysteriöse Weise im Sonderdezernat Q – Carl Mørck und Assistent Hafez el-Assad sind eben aus dem Urlaub zurückgekehrt und finden die Akte auf dem Schreibtisch. Carl, der sich mit der neu zugeteilten Bürokraft Rose rumschlagen muss, befasst sich erst nur ungern mit dem Fall, der als geklärt geschlossen wurde. Dennoch recherchiert das Team und stößt dabei auf eine Clique von Schülern eines Elite-Internats, zu der auch der inhaftierte Bjarne Thøgersen gehörte und deren andere Mitglieder Ditlev Pram, Torsten Florin und Ulrik Dybbøl Jensen nun zu den höchsten und einflussreichsten Kreisen der dänischen Gesellschaft gehören – bis auf Kristian Wolf, der kurz nach seiner Hochzeit bei einem angeblichen Jagdunfall starb und Kirsten-Marie Larssen, genannt Kimmie, die nun auf der Straße lebt. Im Zuge der Ermittlungen findet das Sonderdezernat Q weitere Überfälle, die ins Muster passen. Obwohl die Ermittlungen von oberster Stelle unterbunden werden, geben die drei nicht auf. Ihre Hoffnung ruht auf Kimmie, die von den anderen als unbequeme Mitwisserin gejagt wird…

Der zweite Band von Jussi Adler-Olsen ist nicht für Zartbesaitete geeignet. Der Autor nimmt den Leser mit auf eine Reise in die tiefsten Abgründe der (Un)Menschlichkeit – zu lieblos aufgewachsenen Jugendlichen aus reichen Häusern, die ganz nach ihrem Vorbild „Clockwork Orange“ den Kick in der Grausamkeit finden und zu gefühlskalten, skrupellosen Erwachsenen herangewachsen sind, die in der Geschäftswelt überaus erfolgreich sind. Als Kontrast dazu steht Kimmie, die obwohl sie als Jugendliche selbst Mittäterin bei den grausamen „Spielchen“ war, nicht in diese Kreise aufgestiegen ist und ihr Dasein als Gejagte in der Obdachlosigkeit fristet. Sie ist der vielschichtigste Charakter des Buches und folgt ihrer eigenen Logik, die nicht immer rational nachvollziehbar ist und für einige Überraschungen sorgt. Ihre Figur drängt sich in den Vordergrund und trotz ihrer Grausamkeit weckt ihre Entwicklung auch Mitgefühl, für die man bis zu einem gewissen Grad Verständnis hat, obwohl man auch Abscheu empfindet.

Obwohl dem Leser die Täter in diesem Band bereits von Anfang an bekannt sind, gelingt es Jussi Adler-Olsen den Spannungsbogen oben zu halten, in dem er den Leser häppchenweise mit Informationen füttert. Man ist direkt von Beginn an gefesselt und die beklemmende Stimmung begleitet den Leser durch die gesamte Geschichte, vor allem durch die Rückblenden zu Kimmies Werdegang. Leicht düster sieht es auch in Mørcks Privatleben aus – sein Kollege Hardy, der nach wie vor querschnittsgelähmt ist, trägt sich immer noch mit Selbstmordgedanken und den Ermittler selbst quälen immer noch schlechtes Gewissen und Schuldgefühle. Aber Schändung wäre kein echter Adler-Olsen, würde nicht auch für Auflockerung gesorgt: nicht nur Carls und Assads kulturelle Differenzen und Carls sarkastische Art und seine ironischen Gedankengänge sorgen für den ein oder anderen Schmunzler, auch die resolute, exzentrische Rose, die Carl am liebsten gleich wieder loswerden möchte, trägt zur Situationskomik bei.

Wie schon im ersten Band „Erbarmen“ bedient sich Adler-Olsen mehrerer Erzählstränge, die schonungslos die Gewalttaten der Vergangenheit und Gegenwart zeigen, die Ermittlungen von Mørcks Team begleiten und vor allem Kimmies Leben sehr genau durchleuchten, bevor sie in einen Showdown münden. Sprache und Schreibstil sind wieder gut verständlich und eingängig, und bieten die Grundlage für ungebrochenen Lesefluss, wobei die Schilderung der Gräueltaten und Unmenschlichkeit gegen Mensch und Tier teilweise sehr heftig sind – manchmal musste ich das Buch auch kurz zur Seite legen, um das Gelesene zu verarbeiten.

Mich hat Jussi Adler-Olsen und das Sonderdezernat Q wieder mit einer packenden und atmosphärisch dichten Fortsetzung überzeugt, die auch den aus Band 1 bekannten feinen Humor nicht missen lässt. Dafür holt er sich ein zweites Mal die volle Punktzahl:

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