Die Schattenhand (Miss Marple) – Agatha Christie

rezension-2Flieger Jerry Burton steht nach einem Absturz eine langwierige Rekonvaleszenz bevor und um in Ruhe genesen zu können mietet er gemeinsam mit seiner Schwester Joanna ein Landhaus im idyllischen Kleinstädtchen Lymstock, in dem nie etwas passiert. Doch die Idylle trügt: noch während sich die beiden in Lymstock einleben, erhalten sie einen schmutzigen anonymen Brief, der beide bezichtigt nicht Bruder und Schwester zu sein, was sie zunächst höchst amüsant finden und erst nach einer Weile einen bitteren Nachgeschmack bekommt. Sie ignorieren den Brief und erfahren bald vom Dorfarzt Owen Griffith, dass solche Briefe bereits vor ihrer Ankunft kursierten. Dr. Griffith befürchtet, dass die Briefe scheinen sie auch noch so willkürlich und unzutreffend, doch einmal ins Schwarze treffen könnten. Diese Vermutung soll sich bald als richtig erweisen: Mrs. Symmington, Frau des örtlichen Anwaltes, wird kurz darauf tot aufgefunden, nachdem sie einen Brief erhalten hat, der unterstellt, dass einer ihrer Söhne aus einer Affäre stamme. Da man bei ihrer Leiche ein Glas Cyanid und einen zerrissenen Abschiedsbrief findet, wird bei der Leichenschau auf Selbstmord erkannt und auch die Stadtbewohner gehen von Selbstmord aus, denn wie sich auch die Einwohner einig sind „Kein Rauch ohne Feuer“. Somit konzentrieren sich die Ermittlungen auf den Schreiber der Briefe, die sogenannte „Schattenhand“. Nur wenige Zeit später gibt es noch eine Tote: Agnes, das Dienstmädchen der Symmingtons wird von Megan, der etwa 20-jährigen Stieftochter des Anwaltes, tot in einem Schrank gefunden – ermordet. Während die Bewohner Lymstocks in heller Aufregung sind, hat Mrs. Dane Calthrop, die Pfarrersfrau, Miss Jane Marple nach Lymstock eingeladen, um das Rätsel endlich zu lösen…

Eines gleich vorweg: Fans der liebenswerten Amateurdetektivin Miss Marple werden hier wohl etwas enttäuscht sein, da Miss Marple erst im letzten Drittel des Buches in Erscheinung tritt. Der eigentliche Protagonist ist der Ich-Erzähler Jerry Burton, der nach seinem Absturz immer noch invalid ist und von seinem Arzt den Rat bekommt aufs Land zu ziehen und seine Nase in alles zu stecken, was ihn nichts angeht. Diesem Rat folgend, mietet sich Jerry, gemeinsam mit seiner Schwester Joanna, die sich von einer unglücklichen Liebesaffäre erholt, in Lymstock das Häuschen „Waldheim“ von der alten Jungfer Emily Barton. Aus Jerrys Sicht erfahren wir, dass Lymstock zur Zeit der Normannen einmal große Bedeutung hatte, mit der Zeit aber in Vergessenheit geraten ist und nun eines dieser reizenden, heimeligen Dörfer ist, in denen nie etwas passiert.

Die beiden Geschwister sind immer noch dabei sich auf dem Land einzuleben als der anonyme Brief eintrifft, der ihre Überzeugung, in einem solchen Örtchen würde nie etwas Hässliches stattfinden, erschüttert. Allerdings nehmen beide das „Häufchen Unrat“ erstmal nicht ernst und vergessen die Sache wieder. Sie beginnen am Dorfleben teilzunehmen und die Bewohner des Ortes kennen zu lernen. Hier verzettelt sich Agatha Christie nicht, sondern bringt nur so viele Personen aufs Tablett, wie für die Geschichte notwendig und führt sie nach und nach durch die Beobachtungen Jerrys ein:

  • Richard Symmington, Anwalt des Ortes, ein intelligenter, aber trockener Mann,
  • Mrs. Symmington, seine Gattin, eine selbstsüchtige Person, die aber ihre Söhne abgöttisch liebt,
  • Megan Hunter, ihre 20-jährige Tochter aus erster (unglücklicher) Ehe, die von ihrer Mutter für zurückgeblieben gehalten wird und in die sich Jerry verliebt,
  • Elsie Holland, das hübsche Kindermädchen der Symmingtons,
  • Owen Griffith, Arzt des Ortes, dem die Briefe große Sorgen bereiten und auf den Joanna ein Auge geworfen hat,
  • Aimée Griffith, seine Schwester, eine lebensfrohe Person, die sich leidenschaftlich im Dorfleben engagiert und dadurch oft recht anstrengend ist,
  • Caleb Dane Calthrop, sympathischer, aber recht zerstreuter Pfarrer von Lymstock,
  • Maud Dane Calthrop, seine Frau, die jeden kennt und auch alles über die Menschen im Ort zu wissen scheint und dadurch beängstigend wirkt,
  • Mr. Pye, Einwohner von Lymstock, ein dicker, sehr weiblicher Mann, dessen große Leidenschaft schöne und antike Möbel sind,
  • Emily Barton, Vermieterin des Landhauses der Burtons, eine reizende, etwas verhuschte alte Jungfer,
  • Miss Partridge, ihre Haushälterin, die seit der Vermietung für Jerry und Joanna Burton sorgt,
  • Agnes Woddel, Hausmädchen der Symmingtons, die nach Mrs. Symmingtons Ableben ermordet wird,
  • Oberinspektor Nash von Scotland Yard, der die Ermittlungen leitet und Jerry Burton miteinbezieht

Andere Charaktere werden nur erwähnt, aber nicht näher beleuchtet, was nicht weiter stört, da diese für die Handlung nur am Rande relevant sind. Mit den Bewohnern Lymstocks liefert Agatha Christie glaubwürdige Figuren, die nur vorgeblich liebenswert sind und hinter der Fassade der Ehrbarkeit durchaus Schattenseiten haben.

Die Handlung von „Die Schattenhand“ ist gut durchdacht und wirkt so verworren, dass der Leser durch die Hinweise, die Jerry Burton erhält, immer wieder in die Irre geführt wird. Obwohl Burton alle Hinweise bekommt, vermag er nicht aus diesen die richtigen Schlüsse zu ziehen, liefert mit seinen Beobachtungen aber die Indizien, die Miss Marple braucht um das Durcheinander zu entwirren und den Fall zu lösen. Die Auflösung besticht nicht nur durch Logik, sondern auch durch die Einfachheit des zu Grunde liegenden  trivialen Verbrechens. Dass sich das Ganze am Ende so simpel darstellt, ist wahrscheinlich der Grund, warum Miss Marple erst so spät auf der Bildfläche erscheint. Aber obwohl die sympathische Detektivin nicht von Anfang an in das Geschehen eingebunden ist, ist Agatha Christie mit diesem Buch ein wunderbarer Krimi gelungen, dessen Handlung völlig unblutig zu fesseln weiß – eines meiner langjährigen Lieblingsbücher 🙂

letal-genial

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