Mord im Orient-Express (Hercule Poirot) – Agatha Christie

rezension-2Hercule Poirot ist gerade erst in Istanbul angekommen als ihn ein dringendes Telegramm nach London zurückbeordert. Um möglichst schnell dorthin zu gelangen, versucht er ein Abteil im berühmten Orient-Express zu bekommen, aber dieser ist – sehr unüblich für Dezember – bereits ausgebucht. Durch den Direktor der Zuggesellschaft, Monsieur Bouc, ein alter Freund Poirots kommt der kleine Belgier doch noch – vorerst in einem Abteil zweiter Klasse – im Zug unter. Am nächsten Abend wird ein weiterer Wagen angehängt und Monsieur Bouc steigt in diesen um, um Poirot sein Abteil erster Klasse zu überlassen. Die Nacht ist von Unruhe geprägt: ein Ächzen aus dem Nachbarabteil, das anhaltende Klingeln eines anderen Abteils und das Treiben der Schaffner stören Poirots Schlaf. Nachdem er erfährt, dass der Zug aufgrund des vielen Schnees bei Vincovci (früher Jugoslawien, heute Kroatien) zum Stehen gekommen ist, schläft er dennoch wieder ein. Am Morgen steht der Zug immer noch und die Passagiere, die nach Klasse und Nationalität nicht unterschiedlicher sein könnten, haben sich im Speisewagen zusammengefunden. Bis auf den amerikanischen Geschäftsmann Samuel Ratchett, der in der Nacht den Tod gefunden hat. Der im zweiten Wagen untergebrachte griechische Arzt, Dr. Constantine, stellt fest, dass Ratchett durch zwölf Messerstiche ermordet wurde. Da der Zug wegen des Schnees von der Aussenwelt völlig abgeschnitten ist, bittet Direktor Bouc seinen Freund Poirot sich des Falles anzunehmen. Er beginnt mit den Ermittlungen, aber die Indizien sind dürftig und widersprüchlich: ein paar Streichhölzer, Pfeifenreiniger, ein Taschentuch, eine stehen gebliebene Taschenuhr und ein Fetzen Papier mit den Worten „Daisy Armstrong“. Durch letzteres eröffnet sich dem Detektiv die wahre Identität des Toten: es handelt sich dabei um Lanfranco Cassetti, der die kleine Daisy Armstrong entführt und ermordet hatte, es aber dennoch schaffte der Justiz zu entfliehen.  Da das fragliche Abteil von innen verschlossen und nur das Fenster geöffnet ist, aber außerhalb des Zuges keine Spuren zu finden sind, deduziert der belgische Detektiv, dass sich der Täter noch im Zug, präziser in diesem speziellen Waggon, aufhalten müsse und beginnt mit den Verhören der Passagiere, deren Täterschaft auf den ersten Blick völlig unwahrscheinlich scheint…

In ihrem 14ten Krimi serviert Agatha Christie ein vertracktes Rätsel, dessen Kernpunkt die Ermordung des Verbrechers Cassetti ist, der für die Entführung und Ermordung der kleinen Daisy Armstrong verantwortlich war und nun unter falschem Namen reist (für dieses Buch diente die reale Entführung Charles Lindbergh zur Inspiration und auch der Schauplatz hat tatsächlich existiert, siehe Orient-Express). Leider ist Poirots getreuer Captain Hastings nicht mit von der Partie, in Monsieur Bouc und Dr. Constantine findet aber würdige Vertretung, die Hastings in ihrer Begriffsstutzigkeit in nichts nachstehen. Da der Zug von der Umwelt abgeschnitten ist, ist es Unmöglich die Polizei anzufordern oder auch nur Auskünfte über die Passagiere einzuholen, somit ist Poirot umso mehr auf seine berühmten grauen Zellen angewiesen um den Mörder zu überführen. Die Untersuchungen konzentrieren sich auf den Schlafwagenschaffner Pierre Michel als Zeugen und die im Wagen anwesenden Passagiere:

  • Graf Rudolph Andrenyi und seine Gattin Helena, ein Aristokratenpaar aus Ungarn
  • Der in Indien stationierte britische Offizier Colonel John Arbuthnot
  • Mary Debenham, britische Erzieherin angestellt in Bagdad
  • die russische Prinzessin Natalia Dragomiroff,  die im französischen Exil lebt
  • Ihre deutsche Zofe Hildegard Schmidt
  • Antonio Foscarelli, italienischer Autohändler mit Geschäftsbeziehungen in Amerika
  • Cyrus B. Hardman, Amerikaner und Privatdetektiv bei einer angesehenen Detektei
  • Die reiche amerikanische Witwe Mrs. Caroline Martha Hubbard
  • Greta Ohlsson, schwedische Missionarin mittleren Alters
  • Hector MacQueen, der amerikanische Privatsekretär des toten Ratchett/Cassetti
  • Edward Masterman, der britische Kammerdiener des Mordopfers

Unter diesen Reisenden, die auf den ersten Blick und nach den ersten Verhören nichts zu verbinden scheint, vermutet Hercule Poirot den Täter, das Motiv: Rache für die Ermordung der kleinen Daisy Armstrong, deren Mord weitere Tode und Selbstmorde in der Familie und deren Umfeld nach sich zog. Aber die gefundenen Indizien und die Aussagen widersprechen sich und jedes neue Teilchen stiftet nur noch mehr Verwirrung. Aber Poirot wäre nicht der – laut eigener Ansicht – genialste Detektiv aller Zeiten, wenn ihm seine grauen Zellen nicht auch dieses Mal eine Lösung servierten – die verblüffend, beinahe schon unmöglich scheint und dennoch logisch alle Indizien und Aussagen abdeckt.

„Mord im Orient-Express“ wird als eines der besten Werke Christies gefeiert und das völlig zurecht: Die Grande Dame des Kriminalromans liefert ein geniales Verwirrspiel, das – obwohl kaum etwas passiert – die Leser in seinen Bann zieht. Die Spannung ergibt sich aus den Gesprächen mit den Verdächtigen, dem Aufdecken derer Lügen und den ungewöhnlichen Methoden des eingebildeten, aber dennoch sympathischen kleinen Belgiers. Die gewählte Schreibweise, der feine eingestreute Humor und die – trotz ihrer Kuriosität – schlüssige Auflösung machen diesen Krimi zu einem ganz besonderen Lesevergnügen. Für mich zählt es seit langem zu meinen Lieblingsbüchern von Agatha Christie und ich fühle mich auch beim zigten Mal immer noch gut unterhalten, daher:

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